„Da Gott uns das Papsttum verliehen hat, so lasst es uns denn genießen.“
So denkt Papst Leo X und geniesst ein dekadentes Leben.
Ich bin Raffaele Sansoni Riario, Kämmerer, also Camerlengo des letzten und dieses Papstes.
Und ich sage euch, so uneingeschränkt auskosten kann Papst Leo X. sein Papsttum nicht. Ein Augustinermönch macht ihm das Leben gerade schwer. Und ich befürchte, mein Papst unterschätzt die scharfe Zunge des Martin Luther.
Schauen wir uns an, wie zwei unterschiedliche Kleriker den Grundstein legten, die die christliche Welt auf den Kopf stellen wird.
Ein neuer Papst besteigt den Stuhl
Wer so genüsslich durchs Leben schreitet wie Papst Leo X. kann nur einer reichen und mächtigen italienischen hochherrschaftlichen Familie entstammen. Da wären im Angebot: Borgia oder Medici.
Giovanni de Medici hat das Rennen um die Papsttiara im Jahr 1513 gewonnen. Im jungen Alter von 38 Jahren bestieg er den „Heiligen Stuhl“.
Wer war dieser junge Papst, der bereits eine Menge Berufserfahrung mitbrachte? Mit sieben Jahren trat er in ein Kloster ein, mit neun Jahren wurde er Abt und erhielt ein Kloster. Mit 14 Jahren wurde er zum Kardinal ernannt. Das Streben nach Erfolg, Macht und Reichtum wurde ihm bereits in die Wiege gelegt.
1497 brachte der dekadente Lebensstil die florentinische Bevölkerung gegen die Familie Medici auf und verbrannte ihre Kunstwerke und Symbole im „Fegefeuer der Eitelkeiten“. Sie flüchteten aus Florenz. Der junge Giovanni nutzte sein Exil für Reisen quer durch Europa und knüpfte die für seine Zukunft wichtigen Kontakte.
1512 konnten sie ihre Stadt Florenz zurückerobern. Als der amtierende Papst Julius II. Anfang 1513 verstarb, kam die Stunde für Giovanni. Er wurde Papst Leo X. Noch im selben Jahr schuf er lukrative Ämter für seine Familienmitglieder und zeigte eine korrupte Amtsführung und seine Vergnügungssucht ganz öffentlich. Unter Papst Leo X konnten sich Sünder von ihren Verfehlungen freikaufen. Drückerkolonnen verkauften Ablassbriefe als Freifahrtschein ins Paradies. Mit diesen Geldern wurden Künstler wie Michelangelo und Raffael finanziert, eine prunkvolle Kirche in Rom zu vollenden: Den Petersdom.
Ein Augustinermönch fordert den Papst heraus
Diese ausufernde Unsitte ärgerte einen 34-jährigen Augustinermönch und Theologieprofessor mächtig.
Luther:
Will er, dass das ganze Leben seiner Gläubigen eine stete und unaufhörliche Buße sein soll. Daher irren all die Ablassprediger, welche erklären, dass der Mensch durch den Ablass des Papstes von jeder Strafe los und frei werde.
Man soll die Christen lehren, dass es besser sei, den Armen etwas zu schenken und den Bedürftigen zu leihen, als Ablässe zu kaufen. (berühmte-zitate.de)
Am 10. November 1483 wurde in Eisleben der kleine Sohn des Hüttenmeisters Hans Luder und seiner Frau Margarete Lindemann geboren. Getauft wurde er auf den Namen Martin Luther. Nach seinen Schulbesuchen in Eisleben, Madgeburg und Eisenach begann er in Erfurt 1501 sein Jurastudium.
Als Student unternahm er eine Reise und kam in ein schweres Gewitter. In Todesangst gelobte er Mönch zu werden und schloss sich dem Bettlerorden der Augustiner im Erfurter Kloster an. 1507 wurde er zum Priester geweiht und begann sein Theologiestudium.
1512 erhielt er - mittlerweile Dr. der Theologie - eine Bibelprofessur an der Wittenberger Universität. Zwei Jahre später wurde er als Stadtprediger an die Stadtkirche berufen.
Am 31. Oktober 1517, dem Vorabend des Ablassfestes zu Allerheiligen, veröffentlichte er laut Überlieferung seine berühmten 95 Thesen.
Als loyaler Ordensmann und Theologe lag es ihm fern, die Kirche zu zerstören. In seiner Eigenschaft als Humanist und Professor wollte er lediglich die Missstände des Fegefeuer-Ablass-Handels kritisieren und eine akademische Debatte anregen. Den Papst selbst hat er zu diesem Zeitpunkt „noch“ nicht kritisiert. Dennoch wurde er von der römisch-katholischen Kirche der Ketzerei beschuldigt. Luther verbrannte im Jahr 1520 vom Papst die gegen ihn erlassene Bannandrohung. Er erhielt 1521 vom Kaiser Karl V. die Gelegenheit, seinen Thesen abzuschwören und seine Schriften zu verwerfen.
Seine Antwort darauf war:
„Solange mein Gewissen durch die Worte Gottes gefangen ist, kann und will ich nichts widerrufen, weil es unsicher ist und die Seligkeit bedroht, etwas gegen das Gewissen zu tun. Hier stehe ich – ich kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen.“
Mit seiner Weigerung zweifelte er nun auch die Unfehlbarkeit des Papstes an.
Wer Gott reden hören will, der lese die heilige Schrift, wer den Teufel reden hören will, der lese des Papstes Dekrete und Bullen. O weh, weh, weh dem, der dahin kommt, dass er Papst oder Kardinal wird, dem wäre besser, dass er nie geboren wäre! Judas hat den Herrn verraten und umgebracht, aber der Papst verrät und verdirbt die christliche Kirche, welche der Herr lieber und teurer als sich selbst und sein Blut geachtet hat. Denn er hat sich selbst für sie geopfert. Weh dir, Papst!
Schließlich verhängte auch Kaiser Karl V. Mit dem Wormser Edikt eine Reichsacht (weltlicher Bann) über Martin Luther.
Luther wurde zum Abschuss freigegeben und musste untertauchen.
Er fand Asyl auf der Wartburg bei Eisenach, auf die ihn der sächsische Kurfürst Friedrich der Weise zur Sicherheit entführen liess. Unter dem Namen Junker Jörg lebte er dort und übersetzte die Bibel aus dem Lateinischen in die deutsche Sprache. 1522 kehrte Martin Luther nach Wittenberg zurück. Papst Leo X. war bereits ein Jahr zuvor gestorben und durch Papst Hadrian IV. ersetzt worden.
Eine Innovation fördert die Spaltung der Kirche
Mit dem Buchdruck konnte sich fortan nahezu jeder fromme Bürger seine übersetzte Bibel leisten, verstehen und die darin enthaltenen Rechte und Pflichten für sich selbst ableiten. Dazu brauchte es eigentlich keine Kirche mehr.
Die sich anbahnende Auflehnung gegen das Papsttum und die damit verbundene Spaltung der Kirche war nicht mehr aufzuhalten.
Es entstand der Protestantismus und Katholizismus. Die Reformation war geboren. Die katholische Kirche wollte um jeden Preis ihre Macht erhalten und wehrte sich. Die Gegenreformation und die Reformation hatten auf die europäische Zukunft einen erheblichen Einfluss. Sie lösten Aufstände und Glaubenskriege aus. Unzählige unschuldige Menschen starben auf brennenden Scheiterhaufen.
Erst 1648 mit Ende des 30-jährigen Krieges kehrte Friede ein und die religiöse Vielfalt wurde in großen Teilen Europas toleriert. Das alles hat der Theologe Dr. Martin Luther nicht mehr erlebt. Er starb am 18. Februar 1546 in Eisleben, ging als Reformator in die Geschichte ein. Als Begründer der evangelischen Kirche bleibt er unvergessen.