Stell Dir vor, du lebst am mächtigsten Hof Europas, bewegst Dich unter Königen und Fürsten, trägst kostbarste Kleidung und sprichst mehrere Sprachen?
Wäre das ein Traum? Vielleicht.
Doch es wird zum Albtraum, wenn Dich täglich alle Menschen anstarren. Nicht wegen Deiner Herkunft oder Bildung. Sondern wegen Deines Aussehens. Dein Gesicht und Körper sind von dichtem Haar bedeckt.
Das ist eine wahre Geschichte über Neugier, Macht und Petrus Gonsalvus, der zwischen Menschlichkeit und Sensationslust gefangen war. Man sagt auch, er dient als Vorlage für die „Schöne und das Biest.“
Das Schicksal beginnt mit der Geburt
Petrus Gonsalvus oder Pedro Gonzales wurde 1537 auf Teneriffa geboren. Seine extreme Körperbehaarung - heute als Hypertrichose bekannt - führte ihn als 10-jährigen als außergewöhnliche Kuriosität an den französischen Hof des Heinrich II.
Er hätte sein Dasein in der royalen Wunderkammer fristen können. Doch der König entdeckte in dem „wilden Mann“ einen sanften Charakter und ließ ihm eine höfische Ausbildung zukommen. Aus Pedro wurde Petrus. Er lernte Latein und die Regeln höfischer Etikette und wurde zu einem gebildeten, von Heinrich II. geschätzten Hofmann.
Nach dem Tod des Königs interessierte sich auch die Königin für den „Haarmann“ an ihrem Hof. Nicht als Mensch - vermutlich eher aus wissenschaftlichem Interesse:
Voice Katharina: „Ist seine ungewöhnliche Erscheinung vielleicht sogar erblich?“
Ein Experiment?
Um dieser Frage nachzugehen, arrangierte der Hof eine Ehe zwischen Petrus und Catherine Raffelin, der Tochter einer Bediensteten. Catherine Raffelin ist historisch auch als Francesca bekannt. Wie die junge Frau beim Anblick ihres Bräutigams reagiert haben soll, ist nicht überliefert. Aus der 46-jährigen Ehe gingen sieben Kinder hervor, fünf davon mit der Behaarung. Mehrere Kinder wurden an verschiedene Höfe herumgereicht, porträtiert und dokumentiert.
An vielen europäischen Fürstenhäusern war diese kuriose Familie Gesprächsthema. Je berühmter sie wurden, desto weniger gehörte ihr Leben nur ihnen selbst. Später lebte die Familie am Hof der Margarethe von Österreich. Petrus wurde 81 Jahre alt.
Die Fürsten der Renaissance sammelten nicht nur seltene Tiere und exotische Objekte. Auch Menschen mit ungewöhnlichem Aussehen wurden oft wie lebende Kuriositäten behandelt – bewundert, vorgeführt, ihrer Freiheit beraubt und in einem goldenen Käfig gehalten.
Die wahre Geschichte hinter "Die Schöne und das Biest"?
Heute - fast 500 Jahre später - hängen die Portraits der Familie noch immer im Schloss Ambras.
Historiker fragen sich, ob ihre Geschichte die Legende von „Die Schöne und das Biest“ mit inspiriert haben könnte.
Das berühmte Märchen erzählt von einem Menschen, der wegen seines Aussehens gefürchtet und wegen seines Charakters bewundert wurde.
Vielleicht ist das eine Botschaft, die uns Petrus Gonsalvus bis heute hinterlassen hat.
Die Geschichte von Petrus Gonsalvus ist untrennbar mit einer Epoche verbunden, die vom Sammeln, Staunen und Entdecken besessen war. Begleite mich nun in die Wunderkammern der Renaissance.