Denkst Du an eine Hecke aus wunderschönen Rosen mit spitzen Dornen. Gute und böse Feen und einen edlen Jüngling, der ein wunderschönes schlafendes Mädchen küsst?
Dann willkommen in einem Märchen der Gebrüder Grimm: Dornröschen.
Die Autoren
Inspiriert wurden die Gebrüder Grimm zu ihren Märchen oft durch mündliche Überlieferungen von wahren Begebenheiten oder Sagen vergangener Zeiten.
Im Jahr 1697 veröffentlichte Charles Perrault seinen Märchenroman „Dornröschen“ ‚La Belle au bois dormant‘ – inspiriert von der alten Sage um Zellandine und Troylus.“ Ihr Ursprung liegt in einem der längsten Ritterromane des Mittelalters. Das sechsbändige Werk „Perceforest“ entstand um 1340 aus der Feder eines unbekannten französischen Autors. Auf Pergament geschrieben war es immens wertvoll und nur reichen Adligen oder Klöstern vorbehalten.
Erst im Jahr 1528 fanden die Bücher - dank der Erfindung des Buchdrucks - Einzug in die einfacheren Stuben. Eine mythische Artus-Geschichte voller Magie, Götter, Ritterturniere und Romanzen trafen den Zeitgeist der Renaissance.
Perceforest liefert die Vorlage für das düstere Liebesdrama „Zellandine und Troylus“. Charles Perrault hingegen wandelt das Motiv zu einer moralisch aufgeladenen Märchenerzählung um.
Die Vorlage: Zellandine und Troylus
Schauen wir uns die beiden Versionen an und beginnen mit der ältesten literarischen Vorlage Perceforest: Zellandine, eine schöne Königstochter, fällt durch eine Spindel in einen tiefen Schlaf – ein frühes Motiv des Dornröschen-Märchens. Während ihres Zauberschlafs wird sie von dem Ritter Troylus entdeckt, der sich in sie verliebt und sie im Schlaf vergewaltigt. Zellandine erwacht später durch die Geburt ihres Kindes, das die Spindelreste aus ihrem Finger entfernt. Trotz des tragischen Beginns finden Zellandine und Troylus schließlich zueinander.
Dornröschen - Perrault's Märchen
Jahrhunderte später greift Charles Perraults dieses Motiv wieder auf allerdings in abgeschwächter Form ganz im Stil des höfischen Geschmacks jener Zeit. Diese Version spiegelt das heute bekannte Märchen erstaunlich getreu wider. Eine Königstochter wird bei ihrer Taufe von einer beleidigten Fee verflucht: An ihrem 15. Geburtstag sticht sie sich an einer Spindel und fällt in einen hundertjährigen Schlaf. Nach Ablauf der Zeit erweckt ein junger Prinz sie mit einem Kuss. Sie heiraten heimlich, bekommen Kinder – doch Perrault fügt eine dunkle Wendung hinzu: Die Mutter des Prinzen ist eine menschenfressende Ogerin (ein Troll), die die Kinder verschlingen will. Am Ende wird sie entlarvt und stürzt sich in einen Kessel.
Dornröschen entspringt keiner bloßen Fantasie – sondern einer dunklen Liebesgeschichte aus dem Mittelalter. Erst durch höfische Moral, zarte Sprache und romantische Verklärung wurde aus Zellandine die schlafende Schönheit Dornröschen, wie wir sie heute kennen.