Eine wohlhabende kinderlose Witwe verlässt ihre Heimat mit dem Ziel: Rom - vielleicht sogar Jerusalem. Die Jahre vergehen und zu Hause entbrennt ein Streit um ihr Vermögen. Darf man es denn endlich aufteilen? Aber was ist, wenn Agnes Finger eines Tages mit einem neuen Ehemann zurückkehren sollte.
Wie konnte eine Frau des 15. Jahrhunderts so ein selbständiges Leben führen? Wer war diese wohl unabhängigste und wohlhabendste Witwe?
Jung, klug und Witwe
Aus einer wohlhabenden Görlitzer Kaufmannsfamilie stammend heiratete sie 1465 einen angesehenen Tuchmacher und Kaufmann. Damit schien ihr Leben als Hausfrau vorgezeichnet zu sein. Doch schon kurze Zeit später starb ihr Ehemann. Agnes Fingerin war nun Witwe. Kinderlos.
In der Renaissance hätte sie normalerweise möglichst schnell erneut geheiratet und unter dem Vormund des neuen Ehemannes gestanden. Doch Agnes entschied sich gegen eine neue Ehe und für ihre Unabhängigkeit. Sie führte als Kaufmannsfrau sehr erfolgreich die Handelsgeschäfte ihres verstorbenen Mannes weiter.
Sie verwaltete ein beträchtliches Vermögen selbstständig. Diese Unabhängigkeit ermöglichte ihr eine Entscheidung, die selbst für Männer ein Wagnis gewesen wäre:
Eine Pilgerreise.
Aufbruch mit dem Ziel: Heiliges Land?
Das Ziel war oft Rom oder sogar das Heilige Land Jerusalem. Eine beschwerliche Reise - Tausende von Kilometern zu Fuß, auf einem Pferd oder beengt auf einem Schiff führten durch fremde Länder. Auf unwegsamen Straßen oder Gebirgspässen lauerten Räuber, Krankheiten oder andere Konflikte.
Für Männer war diese monate- und oft jahrelange mühsame Reise schon äußerst gefährlich. Für eine alleinreisende Frau war dieses Wagnis mehr als mutig.
Wie solche Pilgerreisen damals tatsächlich abliefen und welche Gefahren die Menschen unterwegs erwarteten, erfährst Du in meinem Beitrag über die Pilgerreisen der Renaissance.
Doch eine Agnes Finger schreckte das nicht ab. Sie verließ um 1475 ihre Heimat Görlitz aus eigenem Entschluss. Doch nicht jede Frau der Renaissance konnte selbst entscheiden, ob sie ihre Heimat verlassen wollte. Auf ein ganz anderes Schicksal komme ich am Ende dieses Beitrags noch zurück.
Nicht jeder Pilger kehrte von seiner beschwerlichen Reise zurück. Auch Agnes regelte noch vor ihrer Abreise ihren Besitz und ihre Geschäfte.
Großes Rätsel um ihr Erbe in Görlitz
Die Zeit verging. Keiner in ihrer Heimat wußte, ob sie überhaupt noch lebte. Ein Rätsel beschäftigte Görlitz. Kann man ihren Besitz - wie von ihr verfügt - wohltätigen Zwecken vermachen oder doch unter Verwandten aufteilen? Die Unsicherheit um ihren Nachlass beschäftigte sogar die Gerichte es wurde befürchtet: „Sie könnte mit Ehegespons zurückkehren….“
Dann geschah etwas, womit fast niemand mehr gerechnet hatte: Sie kam zurück - aus Rom - Allein. Und nahm ihre Geschäfte wieder auf. Darunter auch die von ihr bereits 1471 gegründeten frommen Stiftung „Brot und Salz“.
Bis ins hohe Alter bewahrte sie sich ihre Eigenständigkeit. Genaue Angaben zu Geburts- und Todesjahren sind nicht überliefert. Vermutlich starb sie betagt 1514 oder 1515 in Görlitz.
Agnes Fingerin setzte selbst nach ihrem Tod ihren Wille durch. Nicht ihre Verwandten erbten ihr Vermögen – sondern die Armen ihrer Heimatstadt. Sie blieb bis zuletzt eine Frau, die ihr Leben selbst bestimmte.
Hat sie das Heilige Land überhaupt erreicht?
Doch eine Frage beschäftigt Historiker bis heute: Hat Agnes Finger Jerusalem jemals erreicht? Gesicherte Beweise dafür gibt es bislang nicht.
Sicher ist: Agnes reiste aus eigenem Willen ins Ungewisse. Elisabeth de Peera verließ ihre Heimat Jahrzehnte später unter ganz anderen Umständen. Ihre Geschichte erzähle ich Dir im eingeblendeten Beitrag.