Eine 72-jährige Adlige steht vor Gericht.
Nicht wegen Mordes.
Nicht wegen Verrats.
Und stell Dir vor:
Du kämpfst Dein ganzes Leben um Dein Erbe.
Jahrzehnte später nennt man Dich plötzlich eine Hexe.
Genau das geschah Sidonia von Borcke.
Doch wer war diese Frau wirklich?
War sie eine Hexe – oder wurde sie zum Opfer ihrer Zeit?
Um diese Frage zu beantworten, müssen wir viele Jahrzehnte zurückgehen.
Wer war Sidonia von Borcke?
Sidonia von Borcke wird 1548 in eine der ältesten Adelsfamilien Pommerns hineingeboren. Ihr Leben beginnt mit Privilegien, doch diese schützen sie keineswegs vor den Zwängen ihrer Zeit. Für adlige Töchter ist der Lebensweg meist vorgezeichnet: eine vorteilhafte Heirat, Gehorsam gegenüber der Familie und möglichst wenig eigene Entscheidungen.
Für Sidonia kommt es anders. Sie bleibt unverheiratet. Warum genau, darüber gehen die Quellen auseinander. Sicher ist jedoch, dass sie dadurch in eine schwierige Lage gerät. Ohne Ehemann fehlt ihr nicht nur gesellschaftlicher Rückhalt, sondern auch wirtschaftliche Sicherheit. Immer wieder kämpft sie um ihr väterliches Erbe und um Ansprüche, die sie für gerecht hält. Doch Sidonia griff nicht zu Flüchen oder dunkler Magie. Sie griff zur Feder.
Der Kampf ums Erbe
Aus einem erhaltenen Brief – sinngemäß gekürzt:
„Gnädigster Fürst,
ich bitte Euch demütig, meine Klagen noch einmal anzuhören.
Seit vielen Jahren suche ich Gerechtigkeit. Immer wieder habe ich mich an Euer Gericht gewandt, doch meine Bitten blieben ohne eine Entscheidung, die den Streit beendet hätte.
Darum flehe ich Euch an, zwei Männer zu entsenden, die den Fall bereits kennen und unvoreingenommen urteilen können. Ich wünsche nichts weiter als ein gerechtes Urteil.
Ich habe mein Leben lang auf das Recht vertraut. Lasst nicht zu, dass Unwahrheiten über mich mehr Gewicht erhalten als die Wahrheit.
Gott ist mein Zeuge, dass ich nichts anderes suche als Gerechtigkeit.
Eure gehorsame Dienerin
Sidonia von Borcke„
Diese Zeilen stammen tatsächlich von Sidonia selbst. Aus ihnen spricht keine geheimnisvolle Hexe, sondern eine Frau, die darauf hoffte, dass Recht stärker sein möge als Gerüchte.
Diese Auseinandersetzungen ziehen sich über Jahrzehnte hin. Aus den erhaltenen Akten entsteht das Bild einer Frau, die sich nicht einschüchtern lässt. Sie schreibt Beschwerden, fordert ihre Rechte ein und widerspricht Autoritäten. Eigenschaften, die heute vielleicht als Durchsetzungsvermögen gelten würden, machten sie damals schnell zur unbequemen Person.
1604 zieht Sidonia in das evangelische Damenstift Marienfließ ein. Solche Stifte boten unverheirateten adligen Frauen Unterkunft und Versorgung. Doch auch dort findet sie keinen Frieden. Immer wieder kommt es zu Streitigkeiten mit anderen Stiftsdamen und der Leitung des Hauses. Ob es um Besitz, Rang oder persönliche Spannungen ging – die Konflikte häufen sich. Ihr Ruf leidet. Aus einer streitbaren Frau wird in den Augen vieler eine schwierige, vielleicht sogar gefährliche Frau.
Die Tragödie nimmt ihren Lauf
Und genau hier beginnt die eigentliche Tragödie.
Um 1600 erreichen die Hexenverfolgungen in vielen Teilen Europas ihren Höhepunkt. Missernten, Krankheiten oder unerklärliche Todesfälle suchen nach Schuldigen. Gerüchte reichen oft aus, um einen Verdacht entstehen zu lassen.
Auch Sidonia gerät ins Visier. Schließlich wird sie verhaftet und nach Stettin gebracht.
Die Anklage ist gewaltig. Ihr werden mehr als 70 verschiedene Vergehen vorgeworfen. Darunter Hexerei, Schadenszauber, Wahrsagerei und weitere absurde Anschuldigungen. Sogar der Tod von Mitgliedern des pommerschen Herzogshauses wird mit ihr in Verbindung gebracht. Für keinen dieser Vorwürfe lassen sich aus Quellen belastbare Beweise ableiten. Dennoch beginnt der Prozess.
Wie in vielen Hexenverfahren jener Zeit wird auch Sidonia gefoltert. Unter diesen Qualen legt sie ein Geständnis ab – ein Schicksal, das unzählige Angeklagte der frühen Neuzeit teilten. Aussagen, die unter Folter entstehen, galten damals dennoch als Beweismittel.
1620 fällt schließlich das Urteil. Sidonia von Borcke wird wegen Hexerei zum Tode verurteilt und in Stettin hingerichtet.
Damit hätte ihre Geschichte eigentlich enden müssen. Doch genau das geschieht nicht.
Die Ein Mythos entsteht
Erst nach ihrem Tod entsteht der Mythos, für den sie bis heute bekannt ist. Wenige Jahre später stirbt mit Herzog Bogislaw XIV. das pommersche Greifengeschlecht aus. Schon bald erzählen sich die Menschen, Sidonia habe das Herzogshaus einst verflucht und dessen Untergang herbeigeführt. Diese Geschichte verbreitet sich über Generationen hinweg.
Im 19. Jahrhundert macht der Schriftsteller Wilhelm Meinhold daraus den Roman *Sidonia von Bork, die Klosterhexe*. Das Buch wird ein großer Erfolg und prägt das Bild Sidonias bis heute. Aus der historischen Frau wird endgültig eine düstere Sagengestalt.
Doch moderne Historiker zeichnen inzwischen ein anderes Bild. Die erhaltenen Prozessakten zeigen keine übernatürlichen Kräfte. Sie erzählen vielmehr von einer alternden Adligen, die über Jahrzehnte um ihre Rechte kämpfte, aneckte und schließlich in einer Zeit des Aberglaubens zum idealen Sündenbock wurde. Vielleicht war Sidonia nicht einfach Opfer. Vielleicht war sie auch streitbar, unbequem und schwer im Umgang. Aber nichts davon macht einen Menschen zur Hexe.
Und Sidonia war nicht die einzige Frau ihrer Zeit, die wegen ihres Rufs in Lebensgefahr geriet. Nur wenige Jahre später wurde die Mutter des berühmte Astronomen Johannes Kepler als Hexe angeklagt. Wie Kepler seine Mutter vor dem Scheiterhaufen bewahrte, erfährst Du im nächsten verlinkten Beitrag.
Vielleicht war Sidonia von Borcke weder Heilige noch Hexe. Vielleicht war sie einfach eine Frau, die sich weigerte, aufzugeben.
Gerade deshalb ist Sidonias Geschichte auch heute noch bemerkenswert. Und genau deshalb erzählt man ihre Geschichte mehr als vierhundert Jahre später noch immer.
Vielleicht waren viele der Angeklagten weder Heldinnen noch Hexen. Vielleicht waren sie einfach Menschen, die aneckten, unbequem waren oder zur falschen Zeit am falschen Ort lebten. Doch nichts davon rechtfertigte Folter oder den Vorwurf der Hexerei. Gerade deshalb lohnt es sich, ihre Geschichten auch heute noch zu erzählen.