1570 verlässt eine junge Mutter mit ihren Kindern ihre Heimat Antwerpen und sucht im fernen Leipzig einen Neuanfang. Kein Einzelfall. Für eine einfache Frau aus der Renaissance jedoch unüblich. Eigentlich wäre ihr Schicksal vergessen, gäbe es nicht ihre überlieferte Leichenpredigt in einer Bibliothek. Denn das Leben der Elisabeth de Perra erzählt mehr über die Renaissance als manche Geschichte über Könige und Feldherren.
Das Leben in Antwerpen
Eine Reise in die Zukunft Europas hätte nicht nach London, Paris oder Wien geführt, sondern nach Antwerpen im Jahr 1550. Ein New York des 16. Jahrhunderts?
In dieser Stadt an der Schelde lebten mehr als 100.000 Menschen. Kaufleute aus Spanien, Portugal England, Italien und dem Heiligen Römischen Reich verkauften rund um den Hafen Gewürze aus Indien, Silber aus der neuen Welt, Wolle aus England und Bücher aus deutschen Druckereien. Mit dem Wohlstand kam auch Kunst und Wissenschaft in das Finanzzentrum Europas.
In diese moderne quirlige Metropole wurde Elisabeth de Perra 1547 hinein geboren. Nichts deutete darauf hin, dass sie diese Stadt eines Tages verlassen würde.
Politischer Gehorsam und katholischer Glaube gehörten für Philipp II. untrennbar zusammen. Als sich die Ideen der Reformation in den Handelsstädten der Niederlande verbreiteten, reagierte die spanische Krone mit Verboten und Verfolgungen. Viele Familien verließen in diesen Jahren die habsburgischen Niederlande.
Neubeginn in Leipzig
Auch die 23-jährige Elisabetha stand mit ihrer Familie vor dieser schweren Entscheidung.
Bereits mit sechszehn Jahren heiratete sie 1563 den Maler Johann Baptista von Gundrich und bekam vier Kinder.
In der Leichenpredigt steht geschrieben:
„Anno 1570 ... gen Leipzig begeben …“
Mehr erfahren wir hinter dem einfachen Satz nicht, der vermutlich die größte Entscheidung ihres Lebens enthält.
Sie verlässt nicht nur ihre Heimatstadt sondern die Straßen ihrer Kindheit und Menschen, die sie wohl nie wiedersehen wird. Nach mehreren hundert Kilometer langsames, teures Reisen durch gefährliche Routen durch Europa erreicht sie Leipzig.
Keine Hafenstadt, sondern eine aufstrebende Messestadt im Herzen Sachsens. Protestantisch geprägt und offen für Händler, Handwerker und Zuwanderer aus vielen Ländern Europas. Dreimal im Jahr strömten Menschen aus ganz Europa zur berühmten Leipziger Messe. Ein Ort, der trotz unterschiedlicher Sprache, Sitten und Speisen sehr geeignet für ihren Neuanfang war.
Von Schicksalsschlägen zum Neubeginn
In dieser neuen Heimat beginnt für Elisabeth ein neues Leben. Nur wenig später stirbt ihr Ehemann. Sie waren 10 Jahre verheiratet. Die nächsten 13 Jahre zieht die junge Witwe ihre Kinder allein groß.
Sie fand nicht nur eine neue Gemeinschaft, Nachbarn und Freunde sondern auch ihren zweiten Ehemann: Den Leipziger Maler Nicolaus von der Perre. Bei den Leipzigern auch als Claus von der Perre bekannt. Seine Bilder schmückten Kirchen und Wohnhäuser der Stadt.
Mit Nicolaus begann für sie nicht nur eine neue Ehe, sondern auch ein Stück Heimat in der Fremde. Der angesehene Künstler kam selbst nur wenige Jahre zuvor mit seinem Sohn Johann von der Perre aus Antwerpen.
Das Ehepaar bekamen eine gemeinsame Tochter. 1595, nach nur sieben Jahren Ehe war Elisabeth wieder verwitwet. Und ihr Leben beginnt ein weiteres Mal von vorn.
Die nächsten 16 Jahre lebte sie - vermutlich wie damals üblich - bei einem ihrer erwachsenen Kinder. Als Elisabeth 1609 starb, lebten nur noch zwei Kinder aus ihrer ersten Ehe sowie ihre Tochter aus zweiter Ehe.
Die Leichenpredigt der Elisabetha de Peera
Im Original erhaltenen Text der Christlichen Leichenpredigt heißt es sinngemäß:
Christliche Leichenpredigt
gehalten bei der christlichen Beisetzung der ehrenhaften und tugendsamen Frau Elisabetha, des ehrbaren und kunstberühmten Nicolaus de Peera verstorbenen Bürgers und Malers zu Leipzig, hinterlassene Witwe.
Sie entschlief am 29. Januar dieses Jahres 1609 und wurde am 31. Januar christlich zur Erde bestattet.
Verfasst von Georgius Weinrich, Doktor der Heiligen Schrift und Professor in Leipzig.
So beginnt das kleine Buch, das heute in einer Bibliothek Jahrhunderte überdauert hat.
Keine Königin.
Keine Fürstin.
Keine berühmte Gelehrte.
Nur eine Frau, die ihre Heimat verlor, zwei Ehemänner überlebte und ihr Leben immer wieder neu beginnen musste.
Über Vierhundert Jahre später ist ihre Stimme fast verstummt.
Fast.
Denn solange ihre Geschichte erzählt wird, ist Elisabeth de Peera nicht vergessen.