Eine Gruppe von Männern aus Oppenheim trat am 25. April 1483 eine Pauschalreise an - vermutlich eine der ersten. Gebucht wurde eine All-Inclusive - Kreuzfahrt nach Jerusalem. Ein Teilnehmer - Bernhard von Breydenbach - hat seine Pilgerreise in einem der ersten Reiseberichte festgehalten.
12 Jahre später wurde von einem anderen Pilger der erste Reiseführer über den noch heute sehr beliebten Pilgerpfad nach Santiago de Compostela - dem Jakobsweg - veröffentlicht.
Pure Reiselust oder reine Glaubensfrage?
Beide Berichte verschaffen uns einen guten Einblick über das Pilgern im späten Mittelalter.
Reiselust und das Kennenlernen neuer Kulturen ist nicht das primäre Ziel einer Pilgerreise. Wer heute pilgert, möchte u.a. eine Auszeit vom stressigen Alltag nehmen oder eine spirituelle Erfahrung sammeln.
Im späten Mittelalter war der Zweck rein religiöser Natur. Wer sich entschlossen hatte, diese anstrengende Wallfahrt auf sich zu nehmen, wollte sich für die Dauer der Reise voll und ganz seinem Glauben widmen. Dazu musste man sein weltliches Leben hinter sich lassen. Wie man sich als Pilger zu verhalten hatte, beschreibe ich etwas später in diesem Beitrag.
Mit weniger finanziellen Mitteln ausgestattet blieb dem armen Gläubigen meist nur der Pilgerpfad per pedes also zu Fuss z.B. über den einen der vielen Jakobswege zum heiligen Jakobus.
Für die Herrschaften des Adels und andere hochgestellte Persönlichkeiten war die Reise ins „Gelobte Land“ das bevorzugte und fast unbezahlbare Ziel, das eigene Ansehen erheblich zu erhöhen.
Reisebericht des Bernhard von Breydenbach
Der Jurist und Politiker Bernhard von Breydenbach stellte sein Gefolge: zusammen Einen Koch, Dolmetscher, Maler, Ritter sowie einen Grafen. Auf Pferden kamen sie nach einer 15-tägigen beschwerlichen Reise in Venedig an. In der Lagunenstadt versammelten sich Pilger aus aller Welt. Jedes Jahr um die 300 bis 500 Menschen, die auf Schiffen die teure und wenig komfortable Überfahrt nach Jaffa, dem Hafen von Jerusalem antraten. Dazu wurde ein Pauschal-Vertrag über 40 Dukaten (ca. 24 Tsd € heutige Kaufkraft) mit einem venezianischen Patron - dem persönlichen Reisebegleiter - abgeschlossen.
Im Vertrag enthalten war eine sichere Führung zum Jordan ohne Eile innerhalb der vereinbarten Zeit sowie der Schutz vor den Ungläubigen im fremden Land. Die Hinfahrt und eine Abholung nach 40 Tagen auf einem Segelschiff. Eine erfahrene Seemannschaft mit genügend Waffen zur Verteidigung vor Piraten oder feindlichen Angriffen. Zwei Mal am Tag ausreichend zu Essen und zu Trinken. Vielleicht hätte man noch einen gewissen Komfort an Bord aushandeln sollen. Auf den stets überfüllten Schiffen waren die Verpflegung sowie die hygienischen Bedingungen eine Katastrophe. Die Notdurft konnte nur an Deck verrichtet werden. Eilig sollte man es besser nicht haben, denn man musste über unzählige Mitreisende steigen.
In Jaffa angekommen, folgte die nächste Ernüchterung. Die Einheimischen waren gegenüber den Fremden misstrauisch. Ohne Einreisegenehmigung des Sultans ging nichts. Jeder Reisende wurde registriert und musste ein Eintrittsgeld zahlen.
Konnte man endlich an Land gehen, wurde man von Franziskanern empfangen. Die Reiseführer erläuterten nicht nur in die Gepflogenheiten des fremden Landes sondern dienten auch als Dolmetscher und organisierten den Aufenthalt in Jerusalem. Bei den geschäftstüchtigen Mönchen konnte man gleich für den eigenen Seelenfrieden die dafür benötigten Ablassbriefe zwischen 3 und 10 Gulden (ca.1500-5000 € heutiger Kaufkraft) käuflich erwerben.
Die organisierten Tagesausflüge führten die Pilger zu den heiligen Stätten in Jerusalem.
Zum Ort des letzten Abendmals, Christis Leidensweg, zum Stall des Pessach-Lamms und zum Höhepunkt der Pilgerreise - zur Grabeskirche, in der gegen Bestechung auch übernachtet werden konnte.
Die meisten Pilger traten nun die Rückreise nach Venedig an. Nicht aber unsere Reisegruppe Breydenbach. Diese zog es weiter - durch die Wüste nach Sinai und Ägypten. Die reiche Pilgerschaft hat keine Kosten und Mühen gescheut. Hoffen wir, dass sie ihren Seelenfrieden nicht nur teuer erkauft, sondern auch gefunden haben.
Der mittellose Gläubige hat in der Regel sein geringes Hab und Gut zurückgelassen oder gar aufgegeben und zu Fuß die Via peregrinalis angetreten. Der Weg sollte das Ziel werden. Der Pilger sollte sich inmitten der fremden Natur auf seine innere Haltung und Tugend besinnen.
Man kann sich das so vorstellen:
Entlang der Wegstrecke soll er den Armen, die er trifft, alles Nötige für ihr körperliches und seelisches Heil geben; er soll unnötige Worte und belanglose Unterhaltungen vermeiden und seine Gedanken nur auf das Leben der Heiligen richten, hauptsächlich derjenigen, deren Stätten er auf dem Weg besucht. Vor allem soll er Trunkenheit, Zänkerei und alle Art von unzüchtigen Ausschweifungen unterlassen."
(Diaz y Diaz in: v. Saucken, 1999)
Zu Trunkenheit und Ausschweifungen dürfte auch der einfache Pilger keine Gelegenheit gehabt haben.
Dieser erbat abends erschöpft nach einem anstrengenden Weg bei barmherzigen Gastgebern um Beherbergung. Gemeindeleiter, Witwen oder auch Gotteshäuser boten im Rahmen der Nächstenliebe kostenfrei Kost und Logis in einfachen Unterkünften an. Der gut versorgte Gast versprach am Wallfahrtsort eine Fürbitte für den frommen Gastgeber auszusprechen.
Eine Pilgerreise konnte zwischen 3 und 5 Monaten dauern.
Der erste "Lonley Planet" von Hermann von Künig van Vach
Den ersten detaillierten Pilgerführer über seine Reise vom schweizerischen Einsiedeln nach Santiago de Compostela und zurück nach Aachen hat der dem Servitenorden angehörige Hermann Künig von Vach im Jahr 1495 verfasst. Der erste Lonley Planet für Backpacker?
Heute wird in unzähligen Büchern der ca. 800 Kilometer lange berühmte französische Teil (Camino Frances) des Jakobsweges beschrieben. So kann nach ca. 6 Wochen der moderne Pilger sein Ziel erreichen. Den Höhepunkt der Pilgerreise: Die Pilgermesse in der Kathedrale von Santiago de Compostela. Auf dem Altar thront der Heilige Jakobus.
Aus Tradition steigt man eine kleine Treppe rauf und umarmt die Statue.
Damals glaubten Pilger daran, dass man dadurch selbst eine körperliche Heilung erfahren kann. An hohen Feiertagen legte sich ein Hauch von Duft, erzeugt von einem riesiger Weihrauchkessel, über die Pilgerschaft. Vom Wohlgefühl durchflutet fühlte man sich dem Himmel ganz nah. Im übertragenen Sinne hatte man nun mit der Begegnung des Heiligen das himmlische Jerusalem erreicht. Der heilige Jakobus war einer der zwölf Apostel Jesus Christus. Mit seinem Pilgerstab, Kalebasse und der Muschel zieht der Schutzpatron der Pilger seit nunmehr 1000 Jahren Wallfahrer aus aller Herren Länder nach Nordspanien.
Bei dem heutigen Pilgerstrom dürfte ein spirituelles Erwachen nicht immer einfach sein. Das Weltliche kann einen ganz schnell wieder einholen. Denn auf einem recht vollen Pilgerpfad hat man nicht immer das Glück, abends eine der wenigen für Pilger kostenfreien Unterkünfte zu ergattern.
Wer sich auf den Pilgerpfad begibt weiß jedoch, dass er keine erholsame Pauschalreise antreten wird. All-Inclusive ist da wohl eher der Glaube, nach einer Pilgerfahrt ein besseres Leben führen zu können.